Was ein Studium an der WIAI in Bamberg wirklich ausmacht – jenseits von Modulhandbüchern und ECTS-Tabellen.
Im Jahr 2001, als das Internet noch per Modem ins Haus kam und Napster vor Gericht stand, gründete die Universität Bamberg etwas, das es in Deutschland noch nicht gab: eine Fakultät, die Wirtschaftsinformatik und Informatik unter einem Dach vereint. Drei Professuren, eine Handvoll Studierende, eine Idee: Technik nicht isoliert denken, sondern mit Wirtschaft, Psychologie und Gesellschaft verschränken.
25 Jahre später hat sich die WIAI von einem Pionierprojekt in eine der forschungsstärksten Informatik-Fakultäten Deutschlands verwandelt. Im CHE-Ranking erreicht die Wirtschaftsinformatik die Spitzengruppe in allen bewerteten Kategorien. Im internationalen AIS Research Ranking steht Bamberg auf Platz 1 in Bayern und Platz 3 in Deutschland. Das Programm ist nicht nur breiter als an den meisten Informatik-Fakultäten – es ist bewusst anders: menschzentriert, interdisziplinär, ethisch fundiert.
Am 26. Juni 2026 feiert die Fakultät ihr 25-jähriges Bestehen auf dem ERBA-Campus – mit Forschungstalks, interaktiven Installationen, einer Ausstellung „25 Jahre in 25 Objekten“ und einer Kinderuni zum Thema Smart City. Auf wiai25.de erzählen wöchentlich neue Stories die Geschichte der Fakultät – von der ersten Website 2001 über FlexNow als Lehrstuhlprojekt bis zum KI-Weltmeistertitel.
Bamberg ist keine typische Universitätsstadt. Es ist ein UNESCO-Welterbe, gebaut auf sieben Hügeln, durchzogen von der Regnitz mit der romantischen „Klein-Venedig“-Zeile. Die Altstadt überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt – über 1.000 denkmalgeschützte Gebäude aus Gotik, Renaissance und Barock. Das Alte Rathaus steht auf einer künstlichen Insel zwischen zwei Brücken.
Die Stadt ist kompakt – alles in zehn Minuten per Rad erreichbar. Per ICE: Nürnberg in 33 Minuten, München in unter zwei Stunden. Und die Lebenshaltungskosten? Halb so viel wie in München. Ein WG-Zimmer kostet im Schnitt ca. 390 €. Dazu kommt fränkische Bierkultur als Kontrapunkt zum Studienalltag – Bamberg hat die höchste Brauereidichte pro Einwohner weltweit.
Die Fakultät selbst sitzt auf der ERBA-Halbinsel – dort, wo im 19. Jahrhundert bis zu 2.000 Menschen an über 900 Webstühlen Baumwolle zu Textilien verarbeiteten. Nach der Insolvenz 1993 lag das 18-Hektar-Areal brach. Zur Landesgartenschau 2012 wurde es in einen Park mit modernem, fünfgeschössigem Universitätsgebäude verwandelt – direkt am Wasser, mit 24/7-Bibliothek, Coworking-Spaces, einer Cafeteria und – direkt um die Ecke – einem asiatischen Restaurant und zwei Cafés.
„Wir sind keine Massenuniversität hier in Bamberg. Das bietet für Studierende enorme Vorteile.“ — Prof. Dr. Daniela Nicklas, Lehrstuhl für Mobile Softwaresysteme
Über 30 Professorinnen und Professoren lehren an der WIAI – und viele von ihnen hätten überall auf der Welt arbeiten können. Dass sie in Bamberg sind, ist kein Zufall.
Ute Schmid hat zwei Diplome – eines in Psychologie, eines in Informatik. Als Post-Doc an Carnegie Mellon hätte sie überall bleiben können. Stattdessen baute sie in Bamberg das gesamte KI-Ökosystem auf: zunächst die Fraunhofer-Projektgruppe „Comprehensible AI“, dann das Bamberger Zentrum für Künstliche Intelligenz (BaCAI) mit acht reinen KI-Professuren – plus Workshops, die Grundschulkindern Programmieren beibringen. Sie war bei ZDF „Leschs Kosmos“, auf der re:publica, im Spiegel. Ihr Credo: KI muss erklärbar sein – und darf Menschen nicht ersetzen, sondern soll sie unterstützen.
Christian Ledig promovierte am Imperial College London, forschte dann als Senior Researcher bei Twitter in London und bei Imagen Technologies in New York. Bei VideaHealth in Boston baute er FDA-zugelassene KI-Medizinprodukte. Sein SRGAN-Paper zur Bildverbesserung gehört zu den meistzitierten KI-Arbeiten weltweit. Er hätte im Silicon Valley bleiben können – und entschied sich für Bamberg. Sein Statement: Man braucht keine Großstadt für Weltklasse-Forschung.
Christian Maier studierte Wirtschaftsinformatik in Bamberg, promovierte hier und gewann den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis – Deutschlands prestigeträchtigsten Frühkarriere-Preis in der Wissenschaft. Er erforscht Technostress: wie permanente IT-Nutzung Menschen belastet. Seine Forschung wurde auf ZDF, RTL und in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt. Zwischendurch war er Professor an der LMU München – heute ist er zurück in Bamberg. Der Kreis schließt sich.
Dekan Dominik Herrmann ist Datenschutzforscher und sitzt im Kuratorium der Stiftung Warentest. Seine Vorlesung im Stil von Harvards CS50 ist frei auf inf.zone verfügbar. Dazu kommen: Christoph Benzmüller, der mit Computern Gödels Gottesbeweis formalisierte. Benedikt Morschheuser, der von Mercedes-Benz und Bosch kam und mit dem OASIS Lab eine 6-Meter-VR-Kuppel für Gamification-Forschung betreibt. Daniel Beimborn, der bei Microsoft Redmond und am MIT forschte und heute als Studiendekan die Fakultät mitgestaltet.
Diese Köpfe sind international vernetzt: Strukturierte Forschungskooperationen verbinden die Fakultät mit Stanford, der ETH Zürich, Cambridge und dem MIT – in über 30 Ländern auf allen Kontinenten. Für Master-Studierende heißt das: internationale Forschung fließt direkt in die Lehre ein.
An der WIAI bleiben Projekte nicht in der Theorie. Studierende lösen echte Probleme – und gewinnen damit internationale Wettbewerbe.
Die stärkste Geschichte? BamBirds. 17 Studierende entwickelten einen KI-Agenten, der eigenständig Angry Birds spielt – mit Bildverarbeitung, Handlungsplanung und qualitativer Physik. Bei der Weltmeisterschaft der International Joint Conference on AI (IJCAI) holten sie den Titel zweimal: 2016 und 2019. Was aussieht wie ein Spaßprojekt, berührt ungelöste Forschungsfragen – die Techniken können künftig Robotern helfen, Alltagsaufgaben zu lernen.
Im Smart City Research Lab arbeiten Studierende an echten Projekten für ihre eigene Stadt: SoundCity misst Lärm, „Digital Twin Welterbe“ baut einen digitalen Zwilling der UNESCO-Altstadt, DaPaCity sammelt Umweltdaten per Crowdsensing. Eine Kooperation mit der University of Washington brachte amerikanische Studierende für zehn Wochen nach Bamberg, um gemeinsam an privatsphäre-erhaltendem Crowd-Tracking zu forschen – daraus wurde eine Publikation bei IEEE PerCom.
Auch einzelne Leistungen stechen heraus: Tobias Archut erreichte mit seiner Bachelorarbeit über Continual Learning das Finale des Newcomer Award der DMEA und publizierte sie als Paper bei IEEE ISBI 2024. Eine Bachelorarbeit als IEEE-Publikation ist außergewöhnlich. Beim Tensor Tournament Machine Learning Hackathon schlugen Bamberger Teams die FAU und TU München. Und die Gamification Research Group entwickelt im OASIS Lab VR-Gesundheitsspiele mit dem Uniklinikum Erlangen, ein Long-Covid-Simulationsspiel und Exergames für Fitness-Forschung – präsentiert auf der GG Bavaria, Bayerns größter Gaming-Convention, und berichtet auf tagesschau.de und im BR.
109.000 offene IT-Stellen in Deutschland bei einer Arbeitslosenquote von 3,7 %. WIAI-Absolvent:innen haben nicht nur gute Chancen – viele haben ihren Arbeitsvertrag schon vor dem Abschluss. Mehr als die Hälfte der Studierenden arbeitet bereits während des Studiums in IT-Jobs in der Region – in Bereichen wie Data Analytics, IT-Sicherheit oder Softwareentwicklung. Aber wohin führt der Weg danach?
Dr. Anna Wiesinger studierte an der WIAI und ist heute Partnerin bei McKinsey – sie hält die Keynote beim 25-Jahre-Jubiläum. Tobias Balling gründete noch während seiner Abschlussarbeit (am Lehrstuhl von Prof. Weitzel) die Blinks Labs GmbH – heute ist Blinkist eine weltweit erfolgreiche Wissens-App, und er ist CTO. Sören Siemens arbeitet als Customer Engineer bei Google Cloud und berichtete beim WIAI.PraxisReport über Cloud-Transformation im Einzelhandel.
Andere gründen: Monika Safferling baute centron GmbH vom Garagenstart zum ISO-27001-zertifizierten Rechenzentrumsunternehmen auf. Sechs EXIST-Gründerstipendien und zwei Ausgründungen direkt aus der Forschung zeigen: Wer hier studiert, bekommt ein Umfeld, das eigene Ideen ermöglicht. Ob UX bei DATEV, Data Architecture bei RTL oder eigenes Startup – die Wege sind so vielfältig wie die Studiengänge selbst.
Porträtfotos: Sebastian Buff, Benjamin Herges / Universität Bamberg